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Frühe Farbaufnahmen aus deutschen Kolonien zeigen Menschenlose Traumziele


Weites Land, strahlend blauer Himmel, gediegene Architektur, üppige Natur - in den mehr als hundert Jahre alten Farbfotos wirken die deutschen Kolonien wie Traumziele. 1910 erschienen die Bilder in der zweibändigen Prachtausgabe eines Berliner Verlages. Noch heute werden sie gern genommen, um ferne Orte zu illustrieren.

Dass es in den Kolonien nicht so strahlend zuging, wie die Publikation weismachen wollte, ist lange bekannt. Doch wie kam diese Postkartenidylle zustande, und warum? Wie gelang es, dem Betrachter eine Welt vorzugaukeln, die es so nie gab?

Die Farbfotos aus der Ferne schienen geeignet, in Deutschland mehr Begeisterung für die Kolonien zu wecken. Im ausgehenden 19. Jahrhundert hatten sich Europas Mächte einen Wettlauf um neue Kolonialgebiete geliefert und vor allem den ganzen Kontinent Afrika unter sich aufgeteilt. Auch das Deutsche Reich strebte nun nach einem "Platz an der Sonne", in Afrika ebenso wie in Asien und in der Südsee. Und so wehte ab 1884 die schwarz-weiß-rote Reichsflagge über Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, sowie über Togo, Kamerun und Deutsch-Ostafrika, das sich heute auf die Staaten Tansania, Ruanda, Burundi und einen kleinen Teil Mosambiks verteilt.

Eine Reise erster Klasse

VIDEO: Die deutschen Kolonien: Eine verdrängte Geschichte?
MrWissen2go Geschichte | Terra X

Die bunten Bilder aus den deutschen "Schutzgebieten", wie die gewaltsam besetzten Territorien euphemistisch genannt wurden, fanden im Kaiserreich ein großes Publikum. Im Rahmen eines von der Gerda-Henkel-Stiftung geförderten Forschungsprojekts spürte der Kölner Historiker Jens Jäger den Fotografen nach: Bruno Marquardt, Eduard Kiewning sowie Robert Lohmeyer. Bei Lohmeyers Nachfahren wurde er fündig. Denn dieser hinterließ Aufzeichnungen, in denen er von seinen Reisen - 1907/08 nach Togo und Kamerun, 1909 nach Südwestafrika und Ostafrika - berichtete.

Lohmeyer war frisch promovierter Fotochemiker, als er mit der "Edea" von Hamburg nach Togo aufbrach. "Schweinskotelett, Rührei mit Sardinen, junger Käse, Kaffee, Tee" gab es auf dem Schiff morgens am 29. November 1907. "Nach dem Frühstück erkläre ich zwei Herrn den Dreifarbendruck, darauf holen wir unsere Waffen raus und knallen uns ein mit unseren Brownings."

Foto: Verlagsanstalt für Farbenphotographie Weller & Hüttig

Der 28-Jährige schilderte die Passage als Abenteuer: "Wellen gehen über Deck. Passagiere der zweiten Klasse können überhaupt nicht heraus, selbst in ihre Kajüten dringt das Wasser. Wir hier oben bekommen nur ab und zu mal einige Spritzer herauf." Lohmeyer reiste erster Klasse, ein Privilegierter unter Privilegierten, die sich ihre Langeweile mit Trinkspielen vertrieben. "Zur Feier des Tages wird ein Fass Bier angestochen."

Dreifarbenfotografie als willkommene PR

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Karl Schreiber

Lohmeyer stammte aus wohlhabender Familie, er war Sohn eines bekannten Schriftstellers und Experte für ein neues Verfahren, das es möglich machte, farbige Bilder in Büchern zu drucken. Erfunden wurde es in Deutschland: 1903 hatte Fotopionier Adolf Miethe seine Kamera für die "Dreifarbenfotografie" vorgestellt, eine echte Weltneuheit. Lohmeyer lernte bei ihm.

Berauscht vom Erfolg der ersten gedruckten Farbaufnahmen aus Deutschland schickte der Berliner Internationale Weltverlag Fotografen nun auch in die Kolonien. Als der Verleger überraschend pleiteging, realisierte der frühere Schutztruppenoffizier Kurd Schwabe das Projekt mit der Verlagsanstalt für Farbenphotographie Weller & Hüttich.

Die Kolonien waren zu dieser Zeit in Deutschland umstritten. Im Disput über das Budget und die Fortführung des Krieges in den "Schutzgebieten" wurde das Parlament aufgelöst und Anfang 1907 neu gewählt. Der Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika und die Erhebungen der Herero und Nama im Südwesten waren gerade erst brutal niedergeschlagen, als Lohmeyer nach Afrika reiste.

Wettlauf um Afrika: Die Kolonien 1914

Wettlauf um Afrika: Die Kolonien 1914

Foto:

DER SPIEGEL

In Togo bezog er am 20. Dezember 1907 ein Zimmer mit "breitem bequemen Moskitobett" in einem "wunderschönen Haus" mit großer Veranda, alles "fein piko!". Für seine Mission konnte er sich der Unterstützung der kolonialen Behörden sicher sein. Im Februar 1908 bereiste Lohmeyer Kamerun - zu Pferd, während seine rund 20 einheimischen Helfer liefen: "Auf der Station waren die meisten nicht recht wohl. Ich brauchte vier neue Träger (zwei hatte ich weggesandt, weil sie schlimme Füße hatten und zwei waren fortgelaufen, ohne Bezahlung, weil sie sich fürchteten, weiter nach innen zu gehen. Zwölf Mark gespart). Endlich um 10 Uhr bekam ich die Kerle."

Wegen der anstrengenden Tour in großer Hitze spendierte Lohmeyer seinen erschöpften Begleitern Tabak - "nun sind sie alle wieder selig". Doch seine Nachsicht hatte Grenzen: "Ich musste auf den Rest der Kerle warten, ließ wieder satteln und schlage zurückreitend ab und zu einige Ermunterungshiebe mit dem Cachicot (Nilpferdpeitsche) vor treibend. Dieses Instrument (...) ist hier Goldes wert. Allein seine Erscheinung wirkt Wunder."

Munter - und auch grundrassistisch

VIDEO: Kolonie einfach erklärt (explainity® Erklärvideo)
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Lohmeyers muntere Berichte vermitteln den Eindruck eines gewitzten Mannes, der neue Situationen zu nehmen wusste, liest Historiker Jäger daraus. "Aber er hatte auch diese Haltung eines weißen wohlsituierten Europäers, der sich per se überlegen fühlt, durchzogen von einer grundrassistischen Einstellung: Als typisch wilhelminischer Bildungsbürger - national, protestantisch, kolonialbegeistert - war er überzeugt von der Überlegenheit der 'Weißen' über alle anderen."

Die Ausflüge in den "Busch" blieben die Ausnahme. Lieber nahm Lohmeyer die Eisenbahn. Das ging einfacher, billiger, ohne Träger. So erreichte er gut erschlossene Orte. Und machte Bilder, wie man sie von ihm erwartete: europäisch anmutende Bauten, Kirchen, Schulen, Krankenhäuser, schöne Alleen, Häfen, Eisenbahnbrücken. In seinen Aufnahmen dominierten Architektur und Infrastruktur, Ordnung und Sauberkeit. Ein kolonialer Traum mit riesigen Gründerzeitvillen und parkartig gezähmter Natur, "praktisch das bessere Deutschland", so Jäger. Dazu ein bisschen Exotik - und viel Platz.

Bemerkenswert: Menschen fehlten fast völlig. Das war auch der Technik geschuldet, denn ein Farbbild brauchte nacheinander drei Aufnahmen mit unterschiedlichen Filtern. Wer nicht so lange stehen blieb, war später nicht zu sehen.

Die Botschaft, die Lohmeyers Bilder damit vermittelten, beschreibt Jäger als durchaus gewollt: "Es entspricht der Vorstellung im Kaiserreich, dass die kolonialen Räume eigentlich menschenleer sind oder zumindest die Menschen, die dort wohnen, nichts mit diesem Land anfangen." Denn Teil der Rechtfertigung für die Unterjochung war die Behauptung, die Einheimischen müssten an die Hand genommen werden. Die wenigen Aufnahmen von ihnen wirken geradezu pittoresk: Einzeln oder in kleinen Gruppen sitzen sie vor ihren Hütten.

Nichts ist zu sehen von der Plackerei auf Plantagen oder gar den Lagern mit eingepferchten Herero. Nichts vom Krieg oder von Tropenkrankheiten, deretwegen kaum ein Deutscher nach Afrika wollte. Die Hoffnung der Kolonialbewegung, dass die Leute dorthin statt in die USA auswanderten, erfüllte sich nie.

Die farbigen Bilder hingegen waren willkommene PR. Sie vermittelten den Eindruck einer friedlichen kolonialen Ordnung.

"Ich könnte mir nichts Betrüblicheres denken"

VIDEO: Filmentwicklung im Fotolabor (1980) | Fotografie früher | SRF Archiv
SRF Archiv

Die Diskrepanz zwischen abgelichteter Idylle und Realität zeigt Lohmeyers Eintrag zur Ankunft in Swakopmund im damaligen Deutsch-Südwestafrika: "Ich muss gestehen, was Traurigeres kann man sich beim besten Willen nicht vorstellen. Eine endlose Sandwüste mit Häusern, nicht ein Baum oder Strauch", notierte er am 14. März 1909. Fast die ganze Stadt bestehe aus kleinen schuppenartigen Wellblechhäusern; "ich könnte mir nichts Betrüblicheres denken, als hier an der Küste dauernd leben zu müssen".

Plötzlich ist die Welt ein bisschen bunter

Das Foto, das er von dort mitbrachte, leuchtend gelb und blau, gibt dem Ganzen indes etwas angenehm Warmes.

Wie gut die Bilder funktionierten, zeigte ihr Markterfolg. Die schwere "Prachtausgabe" mit Goldschnitt kostete gut 200 Mark, die etwas kleinere "Nationalausgabe" halb so viel. Die "Volksausgabe" mit weniger Bildern gab es für nur 3,50 Mark. Bis zum Ersten Weltkrieg dürfte der Umsatz rund eine Million Mark erreicht haben, schätzt Historiker Jäger aufgrund der Verlagsangaben beim Kolonialamt.

Und obwohl Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg seine Kolonien aufgeben musste, erschien das Werk 1924/25 neu - als "Jubiläumsausgabe zur 40-jährigen Wiederkehr des Beginns der deutschen Kolonialgeschichte". In der Weimarer Republik formierte sich eine kolonialrevisionistische Bewegung. Ihre Vertreter, sagt Jäger, seien davon überzeugt gewesen, dass es ein Fehler war, den Deutschen ihre Kolonien wegzunehmen, schließlich hätten sie es mindestens genauso gut gemacht wie die Briten oder Franzosen. "Und das hatte man nicht nur schwarz auf weiß - sondern viel besser noch: in Farbe."

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Author: Melissa Hatfield

Last Updated: 1703202602

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